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Knockout 51 - Prozess 2 (2025)

33. Verhandlungstag KO51 – Zweiter Prozess – 22.10.2025

Zentrales Ereignis dieses Verhandlungstages war die Verlesung von Patrick Wieschkes Aussagen vor dem Haftrichter nach seiner Verhaftung im Dezember 2023. Zuvor wurden weitere Telefonate zu den Absprachen der rechtsextremen Szene nach den ersten Verhaftungen von Leon R. & Co. im April 2022 angehört (siehe auch VHT 32).

Stress in der Szene – Knockout 51 nach Leon R.s Verhaftung führungslos

Patrick Wieschke soll sich laut Anklageschrift nach der Verhaftung von Leon R. und weiteren im April 2022 mit Kevin N. zur Neuorganisation von Knockout 51 abgesprochen haben. Dazu wurde ein langes Telefonat von Wieschke mit seinem Partei-Kollegen Robert Sch. vom 23. April 2022 angehört. An diesem Tag soll auch das Treffen mit Kevin N. stattgefunden haben.

Wieschke und Sch. redeten über die Konflikte innerhalb der rechtsextremen Szene in Eisenach infolge der Verhaftungen. Zu diesem Zeitpunkt herrschte scheinbar viel Unsicherheit und gegenseitiges Misstrauen vor. Die Rede war von mehreren Gesprächen, die mit unterschiedlichen Personen zur Klärung geführt werden sollten. Dabei tauchte auch der Name Kevin N. auf, mit dem laut Wieschke „ja auch mal jemand reden“ müsse.

Die beiden Gesprächsteilnehmer sprachen erneut von Josefine O., Florian O. und Torben, die sich als Jugendgruppe treffen wöllten, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen (siehe auch VHT 32). Wieschke sagte in diesem Zusammenhang, dass „Denis“ in der Jugendgruppe bleiben könne, „aber seinen Führungsstatus wollen sie alle nicht mehr“ ( hierbei handelt es sich um Denis K., siehe auch VHT 6, VHT 17 des 1. Prozesses). Anschließend stellte er die Frage: „Wer soll’s übernehmen?“ Hierbei ging es mutmaßlich um die Führung der „Jugend“ von Knockout 51 oder der Gruppe generell.

Misstrauen, Gerüchte und Schläge – Kein neues Phänomen in der rechtsextremen Szene

Leon R. wurde auch in diesem Gespräch ein besonderer Status zugeschrieben und er erhielt viel Bewunderung von seinen „Kameraden“. Es wirkt so, als sei mit seiner Verhaftung eine wichtige Verbindungsfigur in der Eisenacher Szene weg- und unterschiedliche Konflikte aufgebrochen. Insbesondere der Konflikt mit Ulrike E., der Mutter von Leon R., beschäftigte Wieschke wohl besonders. Er verdächtigte sie, „dazwischenzufunken“ und Gerüchte über ihn zu streuen bzw. Personen gegen ihn aufzuhetzen.

In dem Kontext erwähnten die beiden Gesprächspartner vorherige Konflikte, u.a. die Kündigung von Eric K. im Bull’s Eye, die Ulrike E. initiiert haben soll. Wieschke erzählte außerdem, dass Leon R. ihn einmal in einem Streit geschlagen haben soll, nachdem er gesagt hatte, das Bull’s Eye sei „der Ursprung aller Probleme“. Es hätte außerdem Gerüchte gegeben, dass Wieschke dass Bull’s Eye übernehmen wolle, was dieser im Telefonat von sich wies. 

Wieschke sagte zudem, dass er sich gegenüber dem Vorstand (wobei unklar ist, ob der Vorstand der Partei oder des Flieder Volkshaus-Vereins gemeint war) wegen Knockout 51 hätte erklären müssen. Er hätte den Vorstandsmitgliedern gesagt, dass „nichts Kriminelles“ gelaufen sei und er vor ihnen nichts verborgen hätte, so Wieschke am Telefon mit Robert Sch.

Robert Sch. sagte während des Gesprächs, dass er das Auto von Leon R. vorbeifahren sehe. Wieschke antwortete, dass das Leons Partnerin sei. Robert Sch. gab daraufhin die Beschreibung eines weiteren Autos durch, das vor dem Bull’s Eye stünde.

Stärkere Einbindung von Marvin W. ?

Die Informationen über die gesichteten Autos erzählte Patrick Wieschke am gleichen Tag auch Karsten H. in einem Telefongespräch. Mit diesem sprach er ebenfalls über das geplante Treffen „der Jugend“ und den Konflikt mit Ulrike E. Zudem erzählte er, dass er sich mit Leon R.s Schwester treffen wolle. Dieses Treffen erwähnte er auch in einem weiteren Telefonat mit Katja K., das an diesem Verhandlungstag angehört wurde.

Zu Beginn des Gesprächs von Wieschke und Karsten H. fiel der Name „Marvin“ und der Satz von Wieschke: „Ja, weil Marvin keine menschliche Anbindung hat und Uli [Ulrike E.] füllt das Vakuum.“ Ähnliches hatte er bereits in anderen Gesprächen über Marvin W. gesagt (siehe VHT 32). Dieser hätte mit Leon R. seine Bezugsperson verloren und müsse deswegen wieder stärker in die rechtsextremen Strukturen eingebunden werden.

Rechtsanwalt Richter, der Verteidiger von Patrick Wieschke, erklärte jedoch, dass es im Gespräch zwischen Wieschke und Karsten H. nicht um Marvin W. ging, sondern um einen anderen Marvin, der Hausmeister im Flieder Volkshaus gewesen sei. Die Verteidigung von Marvin W. stimmte dieser Erklärung zu.

Gespräch zwischen Kevin N. und Wieschke

Weiterhin argumentierte Rechtsanwalt Richter, dass in den Gesprächen nur von „der Jugend“ die Rede sei, aber nie von Knockout 51. Zu diesem Punkt meldete sich auch Kevin N. selbst zu Wort. Er sagte, dass es aus seiner Sicht bei der „Jugend“ immer um „jugendliche Aktivisten“ gehe. Die in der Anklageschrift genannten Florian O., Josefine O. und Tommy H. (siehe VHT 32) würde er nicht kennen und hätte an keinem Treffen von ihnen teilgenommen. Mit Wieschke hätte er nur über das Thema „gewaltfreie Aktionen“ gesprochen. Kevin N. sagte, dass Wieschke sich gewünscht hätte, dass er dazu in Eisenach „mal was sagt“.

Der Vertreter der Bundesanwaltwschaft fragte Kevin N. daraufhin, ob er im April 2022 in Eisenach gewesen sei und mit wem er sich getroffen hätte. Kevin N. antwortete, dass er das nicht mehr wisse. Mit den oben genannten Personen hätte er sich nicht getroffen. Nach Eisenach sei er sowieso wegen seiner Tochter gefahren und da wäre „ein Abstecher“ zu Wieschke „möglich gewesen“. Wieschke hätte sich eine Einflussnahme von Kevin N. in Eisenach gewünscht, doch dies sei ihm „zeitlich nicht möglich“ gewesen aufgrund seiner Einbindung in eine politische Gruppe (der IB-Ableger Kontrakultur) in Erfurt.

Rechtsanwalt Bauerfeind, Verteidiger von Kevin N., erklärte weiterhin, dass es „nicht unüblich“ sei, dass Personen aus unterschiedlichen politischen Gruppen sich gegenseitig ihre Konzepte vorstellen würden. Kevin N. stimmte dem zu und sagte, dass es für ihn ein „organisationsübergreifender Austausch“ in der „politischen Szene“ „selbstverständlich“ sei.

Klärende Gespräche und Treffen der „Jugend“

In einem zweiten Telefonat mit Katja K. am 23. April 2022 erzählte Wieschke ihr, dass das Gespräch mit Kevin N. „einfach nur gut“ gelaufen sei. Auch das Gespräch mit Leon R.s Schwester an diesem Tag sei „gut gelaufen“.

Schließlich wurde noch ein Telefonat von Wieschke und Matthias K. vom 30. April 2022 angehört. Wieschke sagte dort, dass am 29. April ein „Jugendtreffen“ im Flieder Volkshaus stattgefunden hätte und dass am 30. April ein weiteres Treffen stattfinden würde. Er sagte, dass „Marvin“ danach zuschließen solle. Die Anklage geht deswegen davon aus, dass Marvin W. an dem Treffen der „Jugend“ am 30. April 2022 teilgenommen hatte. Diese beiden Treffen waren bereits am VHT 32 Thema.

Wieschke sagt vor dem Haftrichter aus – und verharmlost vor allem sich selbst

Nach einer kurzen Pause begann dann die Verlesung der beiden Protokolle der mündlichen Haftprüfung Patrick Wieschkes vom 24. und 31. Januar 2024. Die Protokolle wurden von Mitgliedern des Senats vorgelesen. Patrick Wieschke wurde damals bereits von Rechtsanwalt Richter vertreten. Wieschke sagte gleich zu Beginn seiner Haftprüfung, dass er sich zu allen gegen ihn gerichteten Vorwürfen äußern wolle und Fragen beantworten würde.

Zunächst erzählte er jedoch mehrere Geschichten, die mehr über seine Person und seine „persönliche Motivation“ aussagen – und ihn vor allem als harmlose, rechtschaffende Person darstellen sollten.

So hätte er 2018 auf dem Heimweg von einer Feier alkoholisiert mehrere Personen entdeckt, die gerade Graffiti gesprüht hätten, diesen ihre Dosen weggenommen und sie geohrfeigt. Mindestens zwei dieser Personen seien Beschuldigte im Knockout 51-Verfahren. Sein Ziel mit dieser Geschichte, so sagte er es selbst, sei zu zeigen, dass er schon oft gegen Straftaten, die von Mitgliedern von Knockout 51 begangen wurden, vorgegangen sei. Aufgrund dieser Haltung sei er auch immer wieder aus der eigenen Szene heraus kritisiert worden.

Hunderettung mit Punk: Wieschke kenne keine Gewalt

Weiterhin führte Wieschke an, dass seine Lebengefährtin Katja K. und Teile ihrer Familie andere politische Meinungen hätten als er und teilweise auf Gegendemonstrationen zu rechtsextremen Kundgebungen gehen würden (aus der TKÜ ist jedoch bekannt, dass Wieschke und seine Partnerin zumindest was die Ablehnung der Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie und Impfungen angeht, sehr ähnliche Ansichten hatten).

Als dritte Geschichte nannte er ein Gerichtsverfahren gegen ihn und eine weitere Person „vor 1-2 Jahren“ in Eisenach. Er betonte dabei, das mit ihm ein bekannter Punk angeklagt gewesen sei und die beiden zusammen versucht hätten, einen Hund zu retten. Dies sollte vermutlich zeigen, dass er fähig sei, Personen mit anderen politischen Meinungen ohne Gewalt zu begegnen.

Wieschke: Angeblich langweilig und offensichtlich redefreudig

Zum tatsächlichen Gegenstand des Verfahrens gegen ihn sagte Wieschke, dass die „Gewaltfantasien in der TKÜ ihn „betroffen“ und „schockiert“ machen würden. Er hätte von nichts gewusst. Von dem „martialischen Auftreten“ von Knockout 51 und den Schießtrainings hätte er nur „aus dem Internet“ erfahren, sagte Wieschke später. Gleichzeitig verharmloste er das Agieren von Knockout 51 als „unpolitisch und testosterongesteuert“.

Mit Leon R. hätte er ein gutes Verhältnis gehabt und viel über den Krieg in der Ukraine, Corona und finanzielle Fragen gesprochen. Über „strategisch-taktische Sachen“ hätten sie nicht diskutiert. Aus Wieschkes Sicht seien Konflikte zwischen den beiden „zum Glück auch aufgezeichnet“ worden durch die Überwachungsmaßnahmen. Er sagte, dass er „vielleicht zu langweilig und politisch“ für Knockout 51 gewesen sei. Genau diese Argumentation des „zu langweilig Seins“ verwenden seine Verteidiger sehr häufig im laufenden Gerichtsverfahren.

Zu den Aufklebern mit Morddrohungen gegen Linke, die nach den ersten Verhaftungen am 6. April 2022 in Eisenach aus dem Knockout 51-Kontext heraus verklebt wurden, sagte Wieschke: „Durch diese Aktionen sollte [Leon R.] entlastet werden mit der Begründung, wenn er sitzt und Dinge passieren, kann er kein Rädelsführer sein.“ Er selbst hätte das nicht verstanden und nicht unterstützt. Auch von einem Angriff auf das Wahlkreisbüro der Linken in Eisenach, das Rosaluxx, hätte er sich distanziert. Das hätte zu einem größeren Streit in der Szene geführt.

Später sagte er jedoch, dass er „eventuell“ von Angriffen durch Eric K. auf das Rosaluxx gewusst hätte. Auch Marc B. soll damit etwas zu tun gehabt haben.

Sicherheitsmaßnahmen am Flieder Volkshaus

Ausführliches Thema der Haftprüfung waren die Sicherheitsmaßnahmen am Flieder Volkshaus, in deren Zusammenhang Wieschke Unterstützungsleistungen für Knockout 51 vorgeworfen werden. Scheinbare Sicherheitsmaßnahmen seien laut Anklage dazu installiert worden, um Angreifer*innen in eine Falle zu locken und zum (tödlichen) Gegenangriff schreiten zu können.

Wieschke sagte dazu, dass im Flieder Volkshaus „vollkommen unpolitische Discos“ stattgefunden hätten, bei denen gewisse Sicherheitsmaßnahmen notwendig gewesen wären. Da sie sich keinen eigenen Security-Dienst hätten leisten können, wäre Leon R., der auch Mitglied im Vereinsvorstand des Hauses war, beauftragt worden, „körperlich fitte Leute“ als Saalschutz zu organisieren. Dieser wäre immer nur im Inneren des Hauses und nicht für den „Nazi-Kiez“ tätig gewesen – auch wenn sich das „vielleicht der ein oder andere von den jungen Männern gewünscht“ hätte, so Wieschke.

Aufgrund eines Angriffs auf Personen auf dem Heimweg vom Flieder Volkshaus sei zudem ein „Haustaxi“ eingerichtet worden. Auf Nachfrage seines eigenen Verteidigers in der Haftprüfung sagte Wieschke, dass der Angriff der „Auftakt der Lina E.-Serie“ gewesen sein könnte, ohne dafür jedoch konkrete Anhaltspunkte zu nennen.

Wieschke distanziert sich von Leon R.

Die Maßnahmen wie Sicherheitstür, Kameraüberwachung und eines Hausalarms sagte Patrick Wieschke in seiner Haftprüfung, dass er diese veranlasst hätte nach den vermeintlichen Brandanschlägen auf Immobilien der rechtsextremen Szene. Er sagte, dass er dies „nicht aus dem Grund, den [Leon R.] dargestellt hat“ getan hätte, sondern um die Bücher seines rechtsextremen „Antiquariats“ zu schützen. Mit dem, was Leon R. gesagt hätte, meinte er den Bau einer Falle und die Verhinderung eines Fluchtwegs für mögliche Angreifer*innen. Dass Leon R. dies gesagt hätte, entnahm Wieschke höchstwahrscheinlich aus der Anklageschrift.

Der Hintereingang wurde mit Kameras, Stahltür und NATO-Draht gesichert. Wieschke sagte, dass ein Schild aufgestellt wurde, auf dem Stand, dass Strom auf dem Draht liegen würde, was allerdings nicht stimmte. Auf Nachfragen des Vertreters der GBA bei der Haftprüfung erklärte Wieschke weitere Details zu den Zugängen zum Flieder Volkshaus und der Lage des Hinterhofs.

Die „zwei Gesichter“ von Leon R.

Über Leon R. sagte Wieschke, dass dieser „zwei Gesichter“ hätte. R. habe viel Zeit mit dem Hausalarm und den Kameras verbracht. Damals hätte Wieschke das für „Spielerei“ gehalten. Nach der Testphase des Alarms sollte neben Leon R. und Wieschke auch Marvin W. der Alarmkette hinzugefügt werden, so Wieschke. Marvin W. saß seit Sommer 2023 im Vorstand des Flieder Volkshaus-Vereins.

Generell habe sich Leon R. aus der Sicht von Wieschke um Nachwuchs kümmern sollen, da der Verein überaltert wäre. Er sagte, dass die Jüngeren „uns in 10, 20 Jahren mal ersetzen und Politik wie ich machen“ sollten.

Für die Nutzung des Flieder Volkshauses zum Kampfsporttraining durch Knockout 51 habe ein Standard-Mietvertrag zwischen dem Verein des Hauses und Leon R. bestanden, sagte Wieschke.

„Moralisch vertretbare“ Waffen im Flieder Volkshaus

Ein „Herzensanliegen“ sei Wieschke die Entfernung von Waffen aus dem Flieder Volkshaus gewesen. Er hätte die Waffen „gehasst“ und „nie verwendet, das gilt auch für den Revolver“. Die Waffen wären besorgt worden, „als die Gefahr zu groß wurde“ und „in Zusammenhang mit der Ankündigung linker Aktivitäten“, so Wieschke. Nur den Teleskopschlagstock hätte Wieschke „moralisch noch vertreten können“. Das meiste sei sowieso „Schutzbewaffnung“ gewesen.

Ein zentrales Argument von Wieschke, dass er in der Haftprüfung mehrmals vorbrachte, war, dass ein Angriff auf die Rechtsextremen eher auf dem Heimweg vom Flieder Volkshaus passiert wäre, nicht auf das Haus. Gleichzeitig hätte er sich vor möglichen (Brand-)Anschlägen sichern wollen, widersprach sich also selbst in seiner Argumentation.

Weiterhin beschwerte er sich, dass immer „alles Wieschke“ gesagt werde, obwohl „nicht alles Wieschke“ gewesen sei. Er betonte, dass der Raum, in dem die Waffen gelagert wurden, vom Verein angemietet worden war, nicht von ihm persönlich, und das Leon R. einen Schlüssel hatte. Er hätte Leon R. mehrmals aufgefordert, die Waffen aus dem Haus zu schaffen.

Computernutzung im Volkshaus:Wer hatte wessen Passwort?

Auch in Bezug auf die Nutzung des Computers, an dem Leon R. Dateien zum 3D-Druck einer Waffe vorbereitet haben soll, wies Wieschke die Verantwortung von sich. Die Landesgeschäftsstelle sei „halböffentlich“ und Leon R. hätte Zugriff auf den dortigen Rechner gehabt, auch ohne Wieschkes Zutun. Etwas später sagte er jedoch, dass es sein könne, dass er Leon R. „mal zugearbeitet“ hatte. Zudem hätte er Leon R. mal sein Passwort für einen PC gegeben hätte, da dieser Wieschkes Computer verschlüsselt hätte. Auch eine neue Website habe Leon R. für Wieschke angelegt.

Insgesamt bleibt die Frage der Computernutzung für die Prozessbeobachtung schwer verständlich, da nicht klar ist, wie viele Computer insgesamt und in welchen Räumen im Flieder Volkshaus standen.

Wieschke sagte, er sei von Leon R. „enttäuscht“ und hätte erst durch den Haftbefehl erfahren, was dieser konkret mit dem 3D-Drucker gemacht hätte.

Treffen im Bull’s Eye: Wieschke war da, hat aber nicht gelacht

Am 30. April 2021, als es Hausdurchsuchungen bei Leon R., seiner Mutter Ulrike E. und im Bull’s Eye gab, traf sich die rechtsextreme Szene Eisenachs am Abend im Bull’s Eye. Auch Patrick Wieschke war dort zugegen, was er in seiner Haftprüfung auch zugab.

Allerdings sagte er, dass er nicht mitgelacht hätte, als sich darüber gefreut wurde, dass es Leon R.s Schwester gelungen war, Waffenteile aus der Wohnung zu schaffen (siehe u.a. VHT 24). Ihm wäre es „lieber gewesen, hätte man die Sachen gefunden“, so Wieschke in seiner Aussage. Ulrike E. und er würden sich schon lange nicht mehr vertrauen.

Möglicher Beitritt von Knockout 51 zu den JN

Wieschke bestätigte das Vernetzungstreffen der rechtsextremen Szene am 8. Mai 2021, argumentierte jedoch, dass dies nichts mit dem Wandel zur terroristischen Vereinigung zu tun gehabt hätte. Stattdessen hätte er mit dem LKA zusammenarbeiten wollen, so Wieschke. Es wäre eine Chatgruppe mit den Teilnehmern des Treffens gegründet worden, die aber nicht weiter genutzt worden wäre. Mit den öffentlichen Posts und Videos zu dem Treffen hätten die Rechtsextremen vor allem der linken Szene zeigen wollen, dass sie zusammenhalten, sagte Wieschke.

Wieschke sagte auch, dass Leon R. ihn zu einem möglichen Beitritt von Knockout 51 bei den Jungen Nationalisten (JN) angesprochen hätte, aufgrund eines drohenden Verbots von Knockout 51. Wieschke hätte das jedoch nicht entscheiden können und sagte, ihm wäre das egal gewesen.

Nach den Verhaftungen am 6. April 2022 hätte Wieschke weitere Kampfsporttrainings im Flieder Volkshaus untersagt und entsprechende Anfragen dazu abgelehnt.

Rechtsextreme auf der Suche nach Anwälten

Ein weiteres Thema der Haftprüfung, das von GBA-Vertreter angesprochen wurde, war die Kontaktaufnahme mit gleichgesinnten, nationalen Anwälten zur Unterstützung der verhafteten Rechtsextremen. Wieschke sagte dazu aus, dass er verschiedene Personen bei der Suche nach Anwälten unterstützt und Kontakte weitergegeben hätte. Es wäre dabei jedoch nicht um die Gesinnung der Anwälte gegangen, sondern dass diese sich in der Verteidigung von Gruppen auskennen und die entsprechende Kompetenz mitbringen würden.

Nach Beendigung des ersten Protokolls erklärte Rechtsanwalt Picker dazu, dass er die Fragen des GBA-Vertreters zu der Wahl der Anwälte für „unverschämt“ halte und es nicht sein könne, dass bestimmte Verteidiger „in irgendeiner Form diffamiert werden“. Die anderen Verteidiger schnaubten zustimmend.

Natürlich nur alles zum Selbstschutz

Am zweiten Haftprüfungstermin am 31. Januar 2024 sagte Wieschke erneut, dass er vor allem Angst vor Angriffen und um sein „Antiquariat“ gehabt hätte, auch in Bezug auf mögliche polizeiliche Ermittlungsmaßnahmen. Im Flieder Volkshaus hätte er einen Vortrag zu „Volk und Staat“ gehalten, während Leon R. zu Waffen und Waffenrecht gesprochen hätte. Die Vorträge seien in ein „Schulungskonzept“ eingebettet gewesen, über das Wissen in der Szene vermittelt werden sollte.

Wieschke sagte weiterhin, dass er Informationen zu verdächtigen Autos o.ä. an Leon R. sowie die Polizei weitergeleitet hätte. Leon R. hätte „seine Leute“ in „Rufbereitschaft“ halten sollen, um das Flieder Volkshaus im Zweifel zu schützen. Er hätte nicht gewusst, ob diese Personen dann bewaffnet gewesen wären, so Wieschke.

Wieschke sagte auch aus, im Flieder Volkshaus sei Marvin W. nie Hausmeister gewesen, sondern Karsten H. Damit endeten die beiden Protokolle von Wieschkes mündlicher Haftprüfung.

Antrag auf Eisenacher Polizisten als Zeugen

Zum Abschluss des Verhandlungstags wurde noch eine Chat-Nachricht von Kevin N. ohne Erklärung des Zusammenhangs vorgelesen, in der dieser Martin Sellners Vortrag über „gewaltfreien Widerstand“ lobt und schreibt: „Wir müssen unsere Aktivisten nicht mit Gegenangriffen verheizen, sondern der Antifa Angst machen.“

Dies bildete auch den Abschluss der Fußnoten der Anklageschrift und die Einführung von Beweisen nach diesen Fußnoten. Laut dem Vorsitzenden bestünde aber noch die Möglichkeit, Beweisanträge einzubringen, zum Beispiel, um weitere Zeug*innen zu hören.

Die Verteidiger von Patrick Wieschke brachten daraufhin den Antrag ein, einen Polizeibeamten aus Eisenach zu hören, an dem Wieschke öfter Informationen zu vermeintlich verdächtigen Personen und Autos weitergeleitet hätte. Auch der Senat erklärte, dass ein weiterer Polizeibeamter aus Eisenach gehört werden soll. Gegen diesen Polizisten lief in der Vergangenheit ein Disziplinarverfahren wegen mutmaßlicher Weitergabe von Informationen an Knockout 51-Mitglieder. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt.

Der Vertreter der GBA erinnerte zudem daran, dass die Aussage von Patrick Wieschke im ersten Prozess auch in diesem Verfahren eingeführt werden sollte, um auch die Aussagekonstanz von Wieschke zu überprüfen.

Weitere Beweisanträge sollen von den Verteidigern schriftlich eingereicht werden.

Die Verhandlung wurde um 13:40 Uhr beendet. Im Anschluss daran fand die nicht-öffentliche Haftprüfungsanhörung von Kevin N. und Marvin W. statt. Eine Woche später entschied der Senat, die Haftbefehle der beiden angeklagten Rechtsextremen aufzuheben.