Am 25.11.2025 fand der 38. Verhandlungstag des Prozesses gegen Knockout 51 Prozesses statt. Im Zentrum stand die ausführliche Befragung des Angeklagten Kevin N., gefolgt von der Verlesung weiterer Dokumente zu den Mitangeklagten Marvin W. und Patrick Wieschke.
Der Sitzungstag vermittelte einen Einblick in die persönlichen Verhältnisse von Kevin N., seine politische Sozialisation, sein Verhältnis zur Identitären Bewegung (IB) und zu Kontrakultur Erfurt (KK Erfurt) – ebenso in interne Chats, Materialien und Bildinhalte, die auf seinen Geräten gefunden wurden. Außerdem wurden Finanz- und Verwaltungsunterlagen zu Patrick Wieschke behandelt.
Atmosphäre im Gerichtssaal
Bereits vor Beginn zeigte sich eine auffällig gelöste Stimmung. Verteidiger scherzten miteinander, auch die Angeklagten wirkten deutlich entspannter als in früheren Sitzungen. Dies könnte mit dem Umstand zusammenhängen, dass nun auch Kevin N. und Marvin W. aus der Untersuchungshaft entlassen wurden. Gegen Mittag erschien zudem ein Mann, der in den Pausen Patrick Wieschke freundschaftlich begrüßte.
Befragung von Kevin N. Zu persönlichen Verhältnissen
Die Befragung von Kevin N. nahm den größten Teil des Tages ein. Der Vorsitzende Richter Blaszczak führte ihn systematisch durch seine Lebensstationen. Kevin N. bestätigte sein Geburtsdatum und seinen Geburtsort. Seit seiner Ausbildung sei er nach Erfurt gezogen. Er lebt in einer Partnerschaft und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohnung in Erfurt.
Besonders ausführlich wurde über seine sechsjährige Tochter gesprochen, die aus einer vorigen Beziehung hervor ging. Während der Untersuchungshaft habe er sie nicht sehen können, der Umgang mittels Glasscheibe sei „nicht familienfreundlich“ gewesen, so Kevin N. Nach seiner Freilassung wolle er nun wieder regelmäßigen Umgang aufbauen, zunächst begleitet durch die Mutter.
Kevin N. besuchte die Geschwister-Scholl-Schule in Eisenach, die er 2015 mit dem Realschulabschluss beendete. Anschließend begann er ein Wirtschaftsfachabitur in Bad Salzungen, was er aber abbrach. Später nannte er die Geburt seiner Tochter als ein Grund für den Abbruch, da er schnell Geld verdienen musste. Dann begann er eine Ausbildung als Mechatroniker bei der Firma Strabag in Eisenach, die er ebenfalls abbrach. Später machte er sein Fachabitur an der Walter-Gropius-Schule in Erfurt und begann anschließend ein duales Studium in Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Erfurt. Außerdem habe er parallel immer wieder diverse Nebenjobs ausgeübt.
Politische Sozialisation von Kevin N.
Ein weiterer Befragungsblock widmete sich der politischen Entwicklung von Kevin N. Als Jugendlicher war Kevin N. nach eigener Aussage „rebellisch“ und politisch interessiert. Mit 16 Jahren bewegte er sich bei der extrem rechten „Jugendoffensive Wartburgkreis“, die er als unorganisierten „Jugendaktivismus“ verstand, bei der das Biertrinken im Mittelpunkt gewesen wäre. Auf die Frage nach seiner damaligen politischen Selbstverortung erklärte er, sich als „Nationalsozialist“ bezeichnet zu haben, vor allem wegen der provokativen Wirkung. Heute würde er sich als „rechts“ einordnen.
Damals habe er sich auch noch als „Antikapitalist“ verstanden, wie auch ein alter Twitter-Account von ihm bestätigt. Heute, so Kevin N., stehe er dem wirtschaftlich/libertären Spektrum nahe, deswegen würde er sich auch nicht mehr als Nationalsozialist bezeichnen da, so sagt er. „Nazianalsozialist beinhaltet ja Sozialist“. Auf die Anmerkungen des Vorsitzenden Richters hin, dass durchaus noch andere Dinge mit dem Wort „Nationalsozialist“ verbunden werde wie die Shoas, Judenhass und Rassismus, entgegnete Kevin N., dass er ja kein Antisemit sei.
Kevin N. wurde auch zu seinen Verbindungen zur Erfurter Fußballszene befragt. Durch seine Fanzugehörigkeit zu Rot-Weiß Erfurt hätte er auch Kontakt mit der Hooligan- und Kampfsportgruppe „Jungsturm“ gehabt. Auch habe er an sogenannten Freundschaftskämpfen teilgenommen. Zu Kampfsport Veranstaltungen der extrem rechten Szene wie „Tiwaz – Kampf der freien Männer“ sei er als Zuschauer gefahren, diese seien öffentlich beworben worden, so Kevin N., über persönliche Kontakte hätte er aber auch so intern davon mitbekommen können.
Identitäre Bewegung & Kontrakultur Erfurt
Kevin N. bestätigte offen eine Mitgliedschaft bzw. Zugehörigkeit zur Identitären Bewegung (IB). Ein YouTube-Beitrag des ehemaligen Sprechers der österreichischen IB, Martin Sellner habe ihn von Bewegung überzeugt: „Das fand ich so gut und einleuchtend“. Er habe mit dem Wegzug nach Erfurt aktiv Kontakt zur Identitären Bewegung gesucht und die Gruppe „Kontrakultur Erfurt“ als Teil der IB zusammen mit anderen aufgebaut. Heute sei er weiterhin ideologisch Überzeugt von der IB, aber momentan aus zeitlichen Gründen kein aktives Mitglied mehr.
Er behauptete, die IB argumentiere „demokratisch“ und „auf dem Boden des Grundgesetzes“, ihr Schwerpunkt sei vor allem „Migrationskritik“ sowie queerfeindliche Themen. Auf die Frage der Staatsanwaltschaft nach seiner dortigen Funktion bestätigte Kevin N., eine aktive Rolle bei KK Erfurt innegehabt zu haben. So habe er habe oft Vorschläge eingebracht, auch das Graffiti „White Boy Summer“ am Nordbahnhof gehe auf seine Idee zurück. Außerdem habe Kevin N. an der Gestaltung von Materialien mitgewirkt und eine beratende Funktion gehabt.
Ihm sei auch bekannt gewesen, dass Aktionen von KK Erfurt rund um den CSD stattfanden. Er habe selbst nicht bei der Aktion vor Ort mitgewirkt, aber bei der Gestaltung und rechtlichen Einschätzung von Flyern geholfen. Das Gericht verlas dazu ein Schreiben, in dem Materialien aufgelistet worden, die auf seinen technischen Geräten sichergestellt worden waren: ein CSD-feindliches Flugblatt, ein Foto von einem großes Banner auf dem „Kein CSD in unserer Stadt“ stand und ein Chatverkehr vom 17.04.2023 über die Nutzung des KK-Erfurt-Logos. Kevin N. bestätigte, an der Gestaltung, nicht aber an der Ausführung beteiligt gewesen zu sein.
„Mein Kampf“, Hitler-Bilder, Runen & rechtsextreme Inhalte
Ein weiterer Schwerpunkt der Befragung waren die auf Kevin N.s Geräten gefundenen Inhalte. Auf seinem iPad fand das BKA mehrere Bilder von Adolf Hitler, Fotos von NS-Soldaten, ein Foto des Buches „Mein Kampf“, zahlreiche Profilbilder, rechtsextreme Logos, Sticker, Screenshots von Kampfausrüstung (Knöchelschutz, Schutzweste, Rucksack), Konten unter Aliasnamen wie „Jan Lehmann“ und „Jan Revolt“. Kevin N. Erklärung zufolge stammten viele Bilder aus Chats oder seien „automatisch gespeichert“ worden „Mein Kampf“ habe er „schon lange“, es hätte „einen gewissen Wert. Zudem diene es der politischen Meinungsbildung ähnlich wie das Kommunistische Manifest.
Außerdem wurde IB- und JA- Material bei ihm in der Wohnung und im Keller gefunden. Gefunden wurden eine Flagge der Identitären Bewegung, diverse KK Erfurt-Plakate, etwa mit dem Slogan „Remigration – unser Heimat wieder sicher machen“. Außerdem wurden in seinem Keller JA-Materialien gefunden. Laut seiner Aussage sei dies aber der Merch seines Nachbarn. Er habe mit ihm den Keller getauscht, da der Keller wegen eines Fensters geeigneter zum Trainieren sei. Daraufhin entgegnete die Generalbundesanwaltschaft, dass auch in seiner Brusttasche JA-Sticker gefunden worden seinen. „Aufkleber sind so ’ne Sache, die tauscht man halt so hin und her aber das ist ja jetzt keine Mitgliedschaft“, lautete die Antwort von Kevin N.
Zusammenkunft am 20. April
Ein weitere Punkt der Befragung war der Themenkomplex rund um eine Geburtstagsfeier zu „Ehren“ Adolf Hitlers. Kevin N. selbst hat sich an einem 20. April, also am Geburtsdatum von Hitler, mit mehreren Personen getroffen. Deshalb erkundigte sich der Vorsitzende Richter nach der Art der Veranstaltung, dem Grund seiner Teilnahme und nach möglichen politischen Bedeutungen.
Kevin N. wollte die Teilnahme an dieser Zusammenkunft weitgehend entpolitisieren. Auf Nachfrage gab er an die Feier habe im kleinen Kreis stattgefunden („drei bis vier Leute“). Er sei lediglich dort gewesen weil er mit den Leuten befreundet sei: Also ich halte es halt so, dass ich mich szenenintern nicht distanziere. Der Geburtstag ist mir egal, ich war da halt, weil ich mit den Leuten befreundet bin“.
Hätte die Gruppe stattdessen „Stalins Geburtstag gefeiert“, wäre er ebenfalls gekommen. Der Richter und die Vertreter des Bundesanwaltschaft hakten an dieser Stelle mehrfach nach. Kevin N. wich konsequent aus und betonte immer wieder, es sei ihm vor allem um das soziale Umfeld gegangen.
Ein Vorfall, den der Richter aufgriff, stand im Zusammenhang mit einem „Verbrennungsvorgang“. Kevin N. erklärte, es sei „wahrscheinlich eine Idee eines Freundes“ gewesen. Er verband das Geschehen kurz mit dem Stichwort „Ku-Klux-Klan“, distanzierte sich aber sofort und sagte, es habe „nichts mit dem Ku-Klux-Klan zu tun“ Er schob das Geschehen auf die Wirkung von Alkohol: „Im Alkoholrausch macht man halt solche Dinge.“
Als der Richter ihn daraufhin daran vorhielt, dass Kevin N. laut seinen eigenen Angaben seit dem 17. Lebensjahr keinen Alkohol mehr zu konsumieren, antwortete dieser „Ja, meine Alkohol-Idee war das nicht“ und lachte.
„Antifa-Kiez“ Connewitz und Social-Media-Profile
Es wurde danach auch noch Kevin N.s Angst vor „Täuschungsversuchen“ eingegangen. So soll er über Angriffe erfahren haben, bei denen sich Linke als Polizist*innen verkleidet hätten und sich so Zugang zu Wohnungen verschafft hätten. Laut den Berichten von Kameraden, seien sie so in die Wohnung gekommen, hätten gezielt rechte Akteur*innen überwältigt, gefesselt oder verletzt.
Kevin N. habe deswegen bei seiner eigenen Hausdurchsuchung befürchtet, selbst einem Täuschungsmanöver von Linken ausgesetzt zu sein. Der Richter fragte mehrfach nach konkreten Quellen und zeitlichen Einordnungen. Kevin N. blieb aber vage und verwies auf Szenetreffen, dabei erwähnte er die „215-Liste“, ohne näher darauf einzugehen und kam auf den Leipziger Stadtteil Connewitz zu sprechen, den er als „Antifa-Kiez“ beschrieb: „Ich würde sogar Geld drauf wetten, dass wenn ich mich da länger aufhalten würde, es zu einem Übergriff kommt.“
Nach der Pause wurden frühere Twitter- und Instagram-Profile (z. B. unter dem Pseudonym „Jan Revolt“) in Augenschein genommen. Der Twitter-Account zeigte Selbstbeschreibungen wie „Protestgeneration – antikapitalistisch[…].“ Kevin N. führte dies auf jugendliche Provokation zurück und betonte, viele Profile seien auch angelegt worden, ohne sie wirklich zu nutzen. Sein Verteidiger ließ dazu auch ein Instagram-Profil von @janrevolt in Augenschein nehme, welches keine Beiträge und kaum Follwer*innen enthielt. Kevin N. bestätigte, dass dieser Account vielleicht nur zu einem bestimmten Anlass erstellt wurde und danach nie wieder in Benutzung war.
Finanz- und Behördenunterlagen zu Patrick Wieschke
Im zweiten Teil des Tages wurden Personal- und Finanzdokumente über Patrick Wieschke verlesen, die bei einer Durchsuchung am 14.12.2023 des Flieder Volkshauses (FVH) gefunden wurden. In dem Büro von Patrick Wieschke wurde ein Postfach mit der Aufschrift „RE“ aufgefunden. Die entsprechenden Unterlagen zeichneten ein Bild von Patrick Wieschke in vermutlich erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
In dem Postfach befand sich ein Schreiben seines Anwalts über eine offene Rechnung von 11.000 €, ein privater Darlehensvertrag über 5.000 € zu 10 % Zinsen, sein Lohnsteuerbescheid mit einer Berechnung 1013,00 Euro Einkommensteuer, die zu verrichten sei, ein geschätzter Gewerbesteuerbescheid über 1.723 €, ein Schreiben einer Krankenkasse, in dem der Antrag auf Ratenzahlung bewilligt wurde sowie eine Rückforderung von Corona-Soforthilfen in Höhe von 8.000 €. Dies wurde damit begründet, dass die existenzgefährdende Wirtschaftslage seines Gewerbes rückwirkend nicht bestätigt werden konnte und er somit ein entsprechender Anspruch nicht bestünde.
Rassistische und NS-verherrlichende Chatverläufes
Ein weiterer Kernpunkt waren interne Chats von Patrick Wieschke. In einem Chatverlauf von Wieschke und der Mutter von Leon R. Im Juli 2023 fielen mehrfach rassistische Aussagen. In dem Chat ging es um „Waschbären“ und Migration. Dabei sprach sich Wieschke für Waschbären aus, er habe „lieber ’ne niedliche Invasion als ’ne hässliche Invasion“. Wieschke war sich auch nicht zu schade, das N-Wort zu verwenden, um sich anschließend mit den Worten „Rassismus kann ich gut“ selbst zu loben. In einer anderen Chatgruppe mit dem Namen „Creative Group“, wurden mehrfach – u.a. von Wieschke – Hitler-Bilder, Memes und Sticker geteilt. Die Verteidigung betitelte dies später als „Spaß“.
Zum Ende des Verhandlungstages wurden noch die Grundrisse des Flieder Volkshauses in Augenschein genommen, inklusive der Räume der NPD (mittlerweile „Die Heimat“) und Wieschkes Büro. Besprochen wurde dies allerdings nicht weiter.
